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Ueber die Revolutionssucht deutscher Weiber.
1795
 
 
Ohne Nennung seines Namens publizierte Jung-Stilling in der Zeitschrift
 
 
Eudämonia. Ein Journal für Freunde der Wahrheit und Recht.
Leipzig und Frankfurt 1795, Bd. 1, 5. Stück, S. 369-390
 
 
 
diesen Aufsatz. – Unterzeichnet ist der Artikel mit "P–x.", was nach Jung-Stillings Notizbuch das Zeichen für ihn ist.
 
 
Im Zusammenhang mit den anderen Texten Jung-Stillings gibt er einen guten Eindruck von Jung-Stillings Ansicht der Französischen Revolution.
 
 
 
Titelblatt nach S. 368:
 
Eudämonia,
oder
deutsches Volksglük.
-
Fünftes Stük.
verso:
 
Inhalt.
- [eL]
I. Ueber die Revolutionssucht deutscher Weiber.          Seite 369
[... Punkte II. bis V. des Inhalts] - S. (369):
I.
Ueber die Revolutionssucht deutscher
Weiber.
-
Die Gemahlin eines sehr würdigen deutschen Regenten,
eine Frau von hohem Verstand und ächtchristlicher Den=
kungsart, äusserte einstmals den Wunsch gegen mich, daß
doch ein Mann, der der Sache gewachsen wäre, die Ur=
sachen gründlich prüfen und untersuchen möchte, woher es
komme, daß Weiber, die an dem gegenwärtigen Revolu=
tions=Zeitlauf Theil genommen haben, mit mehrerer
Muth und Leidenschaft reden und handeln als die Män=
ner? - sie bediente sich über diese Materie, in einem
Briefe an mich, folgender Ausdrücke:
"Wehe denen, die Glauben an Christus=Religion für
"Dummheit und Schwärmerey ausschreyen! - Wehe
"denen, die bey der jezt so sehr im Schwang gehenden
"Lesesucht, durch ihre Schriften das weibliche Geschlecht
"so erbärmlich verderben! Das männliche Geschlecht
"bedenkt die Gefahr, das Unglük zu wenig, das es sich
"selbst zurichtet. Macht die Freydenkerey größere Pro=
"gressen unter uns, welcher Mann wird länger in seinem
"eigenen Hause sicher seyn können? - eheliche Treue,
"Unterwerfung, Hingebung, Kinder=Erziehung - die
"leyder! ohnehin schon oft als Nebensache betrachtet
"wurde - kurz alles was Pflicht und Gewissen zu thun
          A a          be=
S. 370:
- 370 -
"befiehlt, wird mit Füßen getreten werden, und das
"ganze Männer=Volk wird uns am Ende unterworfen
"seyn müssen. Möchte doch jemand solches dem vernünf=
"tigen Publikum zur Beherzigung mittheilen! – hier ein
"Besyspiel zu meiner Besorgnis: eine gelehrte Frau
"kommt mit ihrem Mann, in einer ansehnlichen Residenz,
"in eine öffentliche Gesellschaft, und sagt Angesichts ihres
"Mannes: sie wolle solchen nebst ihrem einzi=
"gen Kind gern darum hingeben, wenn sie
"nur Robespierre dadurch retten könnte*
"– Verdient das Weib Gattin und Mutter zu seyn?
"Herrliche Früchte der Aufklärung unserer Zeit! u. s. w.
 
Wenn man auch diesen gerügten weiblichen Ausdruk
eines deutschen Weibes zum Theil als Rodomontade an=
 
Rodomontade: Aufschneiderei, Prahlerei; nach Rodomonte, einem prahlerischen riesenhaften Helden in den italienischen Roland-Epen.
 
sieht: denn eigentlich wollte sie nur etwas Erstaunliches
und Aufsehen erregendes sagen; so war doch immer der
Grund aus dem dieser tolle Hundes=Geifer floß, entsezlich,
 
Hundes=Geifer: Tollwut.
 
und es ist leicht einzusehen, daß eine solche Frau, in der
würklichen Revolution selbst, kaltblütig würde morden
und auch mit Appetit auf ein Gläschen Bürgerblut Be=
scheid thun können. Man hat sich oft geäußert, wenn
man die Mord= und Gräuelscenen des Pariser las: so
etwas wäre doch in Deutschland nicht mög=
lich. Die Franzosen haben von jeher einen
Hang zur Gausamkeit gehabt u. s. w. allein
das ist ein Trugschlus: je höher der Luxus steigt, desto
höher steigt auch die Weichlichkeit, wie diese zunimmt,
so nimmt die wahre Menschenliebe ab; man
scheint wohlthätiger zu werden, so lang man nichts
dabey aufzuopfern braucht: denn man giebt aus Weich=
lichkeit; sobald man aber das Geringste ein=
behren muß, sobald wird man kalt, auch gegen das
          größte
 
– 371 –
größte Elend; an unserer Kälte gegen rechtschaffene
französische Emigranten, können wir einestheils den Be=
weis dieser Behauptung, und anderntheils auch den Grad
unseres hochgestiegenen Luxus sehr sicher bemerken.
 
Sobald die Menschenliebe erkaltet und zugleich die Re=
ligion erlöscht, so verschwinden auch die Regungen des
Gewissens; freylich bleiben noch immer moralische Gefühle
zurück; allein was vermögen diese feinen abstracten Em=
pfindungen gegen die Gewalt des Luxus? – Die lüsterne
Vernunft weiß diese schwachen winke bald auf ihre Seite
zu bringen; jezt brauch tnur noch eine Sache hinzuzu=
kommen, für die der Geist Interesse hat, so ist ein solcher
Mensch zu allem fähig [.] Welche Sache hat aber für den
höchstsinnlichen Menschen, der nichts liebt als sich selbst,
den die Ichheit durchaus beherrscht, einen höhern Reiz,
als Gesetzlosigkeit. Unsere Schwachheit (denn das ists
doch am Ende, was man eigentlich unter Freyheit ver=
steht, jeder will Gesezze geben, aber leinen gehorchen)
und Gelegenheit große Ehre zu erlangen, und große
Schätze zu erwerben, um den Luxus immer höher treiben
zu können? – welche entzükkende Aussicht für einen sol=
chen, von allem was gut und heilig ist, entfernten
Geist! – Kommt nun nich der Wetteifer unter Vielen
dazu, wo es immer einer den andern zuvor thun, oder
den Rang ablaufen will, so werden der Menschheit Tha=
ten möglich, für denen sie schon in ihrem natürlichen
ungespannten Zustand, geschweige in dem veredelten christ=
lichen zurükschaudert, sie wird ganz diabolisirt, es
entstehen Adramalechs Genies, mit unter auch glän=
 
Adrammelech: s. 2 Kön 17, 31; 19, 37; Jes 37, 38. – In Klopstocke Messias heißt der Teufel Adramelech.
 
zende Handlungen, deren sich ein Engel nicht zu schämen
braucht, und die doch ein Teufel, seinem Diabolismus un=
beschadet, wenns in seinen Kram dient, auch thun kann.
          A a 2          Man
 
- 372 –
Man wird sogar endlich an Dinge gewöhnt, die man
ihrer Abscheulichkeit wegen nicht denken, sich nicht vor=
stellen konnte, nun aber ohne Scheu, sogar mit Lust
ausübt.
 
Der Demokratismus unserer Zeit beruht ganz auf fol=
gender Maxime: Man behauptet Freyheit und Gleichheit
seyen unverjährbare Menschenrechte, aber blos darum,
um durch diese Behauptung unwidersprechlich darthun zu
können, daß man eben so gut das Recht habe auf einem
Thron zu sitzen, als irgend ein Monarch in der Welt,
wozu man aber ein Recht hat, das darf man auch auf
alle Weise zu erlangen suchen: denn der Zwek heiligt
die Mittel. Was da nun in unsern Zeiten, wo die Er=
findung und Aufklärung in allen Künsten und Wissenschaf=
ten nebst der sinnlichen Cultur so hoch gestiegen ist, und
wo die Menschen sich von allen Banden der Religion loß=
machen, noch alles möglich seyn mag, das wird die Zu=
kunft lehren.
 
Man fühlt Menschenwürde und Menschen=
kraft – daß sich Gott im Himmel erbarm! – Men=
schenwürde! – aber so, daß nur ich werth bin an=
dern zu befehlen, und keinen, auch sogar endlich den lie=
ben Gott nicht mehr, über mir zu dulden brauche. Men=
schenkraft? – so wie ehmals die Holländischen Pöbel=
weiber und zu unserer Zeit Pariser=Damen, wenn sie
ungefühlig, Menschenfleisch Pfund= und Lothweise ver=
kauften, – welch eine Kraft! – und wenn auch würk=
lich große, alle Jahrhunderte ausdauernde Thaten
geschehen, so sind sie doch alle fluchwürdig, wenn sie nicht
Erleuchtung, Heiligung, und wahre Beglückung der Mensch=
heit zum Ziel haben, sondern vielmehr hindern. Je
          größer
 
– 373 –
größer in diesem Fall die Menschenkraft ist, desto verab=
scheuungswürdiger ist sie.
 
Wenn man nun bedenkt, daß der ganze Gang unserer
Aufklärung eigentlich nichts anders als sinnliche Cultur,
Weichlichkeit, Luxus, kalte= den Wünschen der verdor=
benen Natur anpassende Vernunft=Religion zum Ziel hat,
und nun würklich auch an früher reifenden Pflanzen die
Früchte sieht, so bedarfs keiner großen Klugheit, um
mit Gewißheit ahnden zu können, wie es in der nahen
Zukunft um uns aussehen werde; solche Weiber, die ihre
sonst lieben Männer und einzigen Kinder, für einen
menschgewordenen Teufel [= Robespierre] aufopfern können, sind ja wahrlich
frühzeitige Pflanzen, an denen man die Früchte des Geistes
unserer Zeit mit Schrekken bemerkt; sind sie auch gleich
vergähreifte Rodomontaden, so brauchts nur zeitigender
Wärme, um solche Früchte des Baums der Erkänntniß
des Guten und Bösen vollends reif zu machen. Warum
doch wohl der Mann eines solchen Weibes in so hohem
Grad Schaafkopf ist, daß er seine liebe Hälfte nicht an
Ort und Stelle schikt, wo sie ihre hyperphysische Helden=
Kraft in Uebung bringen kann?
 
Zu Robespierre's Kraft=Zeiten sind mir selbst
ein Paar Beyspiele aufgestoßen, die zu obigem ersten
passen:
 
Ein gelehrter, in einem öffentlichen Amt stehender,
sonst sehr rechtschaffener Mann, reiste mit seiner Gattin
hier durch, beyde waren mir als edle Menschen bekannt
gewesen, und ich freute mich sie bey mir zu sehen. Allein
ich erfuhr bald, was ich seit etlichen Jahren so häufig
bemerkt habe: Die französische Revolution hat in den
Herzenmancher Menschen tief verborgene Kräfte entwik=
          kelt.
 
– 374 –
kelt, sie ist Vielen ein Geruch des Todes zum Tode, und
auch wieder andern ein Geruch des Lebens zum Leben, aber
 
Siehe 2. Kor 2, 16.
 
freilich gerade in dem entgegengesetzten Sinn, in welchem
es die Lehre der Apostel war; – sie ist eine Worfschaufel,
mit welcher der Herr seine Tenne fegt. Der Herr X –
 
Mt 3, 12 et par.
 
und seine Gemalin Y – die von je her viele Lektüre
hatten, waren nun völlig revolutionssüchtig geworden, er
hatte die stille, sie aber die rasende Wuth. Kaum
hatten sie sich gesezt, als die Frau schon anfieng, von
dem Glück und den Vorzügen zu reden, die unseren deut=
schen Landsleuten jenseits des Rheins durch die Franzosen
zu Theil geworden seyen. Dies konnte sie zu Robes=
pierre's Zeiten sagen? – Ja lieber Leser! das konnte
sie; sie konnte des Rühmens nicht satt werden; alles
gefiel ihr, was dort die Franzosenmachten; das Zer=
trümmern der Kirchengeräthe, Verspotten alles dessen
was heilig ist und alle dergleichen Gräuel machten keinen
widrigen Eindruk auf sie. Aber Brandschatzen, und doch
Plündern? – auch das war nichts Ungerechtes, sondern
Regel des Revolutions=Krieges, auch in gewissen Fällen
dieich anführte, nicht wahr.
 
Während der Zeit schwieg der Mann still, und lies
seine Frau das Evangelium, oder besser, Kakan=
gelium der Revolution predigen; indessen kochte doch
 
Kakangelium: böses Evangelium; vgl. mlat. cacca.
 
das stille Gift auch bey ihm, und zuweilen leuchtete ein´
Geist aus seinen Mienen, der mir zulispelte: ich muß
beißen! – endlich fieng er an auf meinen Landesherrn
loszuziehen. Diese Ungezogenheit empört mich nun im=
mer, und ich halte es für eben so beleidigend, als wenn
jemand meinen Vater schmäht; doch antwortete ich beschei=
den, und versicherte, daß wir in unserm Lande große Ur=
          sache
 
– 375 –
sache hätten, Gott für unsere Regierung zu danken, und
daß wir auch durchgehends alle zufrieden wären.
 
Das war nun zu viel, der Schaum trat dem Ehrenmann
zwischen die Lippen, er war auf dem Punct, Flüche gegen
meinen Fürsten auszustoßen, allein er verbis sich, und
schlukte den Geifer wieder zurük; seine Frau aber brüstete
sich, trat auf wie ein erzürnter Truthahn, gab ihrem
Manne einen Wink, und trippelte mit einem verächtlichen
Blik und steifem Compliment zur Thür hinaus.
 
Woher nun die Wuth bey solchen Leuten? . das ist
wahrlich eine sonderbare Erscheinung in der moralischen
Natur! Man könnte ja kaltblütig Parthie nehmen –
Ich und alle andere rechtschaffene Leute, die wir Gott und
dessen Sohn Jesum Christum verehren, und seine
Stadthalter und als Vormünder der noch immer minder=
jährigen Menschheit lieben und ihren Gesetzen gehorchen,
wir werden ja bey dem allem anscheinenden Glük der Franzosen
nicht wüthend, wir schäumen sogar gegen das bedauerns=
würdige und unglükselige Volk, das an allem Jammer
Ursache ist, keinen Geifer aus, warum thun sie es denn
gegen unsere Fürsten und ihre Regierungen? – und
wenn es Gott nicht verhütet, bald auch gegen Gott und
Chirstum? – Der ruhige Beobachter und Kenner des
menschlichen Herzens sieht wohl, was der Grund von
allem ist. Der geheime allwaltende Diabolismus inspirirt
und exaltirt solche Geister mit seiner Luziferation; Gott
bewahre uns nur für gewaltsamen Revolutionen! – da
würde man schauderhafte und erschrekliche Scenen erleben
und wie es unserm Regenten, und dann auch mir und
meines gleichen gehen würde, das hat man in Paris
häufig im Vorspiel gesehen.
          A a 4          Nein
 
– 376 –
Nein! die französische Nation hat als Volk keinen
vorzüglichen Hang zur Grausamkeit, alles was vor der
Revolution zum Beweis angeführt werden könnte, das
findet man auch in noch gräßlichern Beyspielen bey allen
andern Nationen. Sollte es in Deutschland zur Re=
volution kommen, gewiß! es würde noch schrecklicher her=
gehe, als in Frankreich. O liebes deutsches Publikum,
laß dich warnen! – der hohe Grad des Luxus, der
Weichlichkeit, der Irreligion, und endlich die Revolution,
hat den Franzosen grausam gemacht; du bist auf dem
nämlichen Wege, das Verderben wird dich ebenfalls über=
fallen, wie ein gewaffneter Mann, wenn du nicht schleu=
nig umkehrst, und dem Würgeengel in die Ruthe fällst.
 
Vgl. Ex 12, 12.
 
 
Endlich will ich noch das dritte Beyspiel eines revo=
tionssüchtigen Weibes hinzufügen: Ein berühmter deut=
scher Gelehrter kehrte mit seiner Frauen von einer Reise
wieder zurück, die er auch in der Nähe des Kriegs=Schau=
plazzes gemacht hatte. Er nahm freylich auch die Par=
they der Demokratisten, aber doch ohne Leidenschaft; er
war also nicht revolutionssüchtig, seine Frau aber
war in hohem Grad an dieser Seuche krank; auch sie
hatte sonst immer den Ruhm eine sedlen deutschen Weibes
behauptet, und Vieles gelesen.
 
Kaum hatte sie mich gesehen und bewillkommt, so
war das Erste was sie mir sagte: Ich würde doch auch
wohl Demokrate seyn, weil ein Mann von Kopf und
Herz, der es nicht wäre, unmöglich ein ehrlicher Mann
seyn könnte! Ich mußte lächeln, und antwortete: ich
sey dem allen ungeachtet doch kein Demokrate! Nun
fuhr sie auf, gieng ein paarmal im Zimmer auf und ab,
sezte sich dann wieder, und fuhr fort:
          "Das
 
– 377 –
"Das begreif ich nicht! Wie kann einer das Glük
der Menschheit verkennen? – stellen Sie sich doch den
französischen Kämpfer vor, wie er da mit aufgeschürztem,
naktem, mit Blut bespriztem Arm, entblöster Brust,
und mit dem großen Schnurrbart, das Schlachtschwerd in
der Hand, einherzieht, und für die Rechte der Menschheit
kämpft! Ha! dies erhebt das Herz, und begeistert den
Muth, für die Sache der Menschheit."
 
Ich wurde durch diese freche Rede empört, und ver=
sezte: Kämpfen denn diese wüthende Räuber für die
Sache der Menschheit, indem sie unsere Landsleute jenseits
Rheins brandschatzen und plündern? haben denn diese
oder auch ihre Herrn etwas gegen ihre sogenannte Frey=
heit verfechten, wenn man in den Kirchen die Orgeln,
Canzeln und Altäre zerstört, Christum verhöhnt und
verspottet, und allem was heilig ist, Hohn spricht?
 
Rasend sprang sie auf, lief durch die Stube, und rief:
Hey! was nuzt denn auch all das Zeug? –
 
Jezt hätte mich bald der Zorn überrascht, doch mä=
ßigte ich mich, und versezte nur:
 
Frau …… eines der heiligsten Menschenrechte be=
steht darin, daß jeder Gott nach seinem besten Wissen
und Gewissen muß dienen können, so lange dadurch in die
Rechte eines andern kein Eingrif geschieht; wer mich nun
darinn stört, der ist ein straf= und fluchwürdiger
Räuber.
 
Danach gieng ich fort; und das alle konnte ihr Mann
ruhig anhören, ohne ihr ein Wort einzureden! – –
          A a 4          Viel=
 
– 378 –
Vielleicht wird man zu diesem allem sagen, diese ra=
sende Wuth sey denn doch nur selten, und man könne
aus solchen einzelnen Beyspielen deswegen doch noch keine
gefährliche grassirende Seuche machen; allein meine Er=
fahrung hat mich gelehrt, daß zwar diese offenbare rasende
Wuth nicht sogar häufig unter unsern deutschen Weibern
herrscht, dagegen aber ist die stille, noch weit gefährli=
chere, und anstekkendere Wuth desto ausgebreiteter. Ich
kennen Frauenzimmer, die zwar in Gesellschaften nichts
sagen, und wenn von der französischen Revolution, vom
Krieg, von der Religion, oder von Fürsten (denn das
alles hängt zusammen) die Rede ist, mit anscheinender
Ruhe, auch wohl mit gezwungener freudlicher Miene
zuhören. Aber wenn ihnen der Menschenkenner recht in
 
Menschenkenner: Gott.
 
die Seele schaut, so wird er finden, daß da der Grimm
kocht, un daß ihre anscheinende Ruhe nur von dem trö=
stenden Gedanken herrührt; jezt müsse man schweigen,
und den Dummköpfen nicht widersprechen. Wenn aber
einmal die Sache reif seie, dann wolle man im Jubel
das Schwerd über ihre Häupter schwingen, und den
Scepter der Demokratie hoch emporheben. Daß es dieser
weiblichen Heldenseelen allenthalben viele gebe, weiß jeder,
der nur zuweilen in Gesellschaften komm, und dem die
Menschenkunde nicht ganz fremd ist.
 
Daß dies alles Thatsache sey, und daß ich nichts
Falsches age, nichts übertreibe, davon kann sich jeder
überzeugen, der Augen und Ohren, und nur einen mit=
telmäßigen Beobachtungsgeist hat. Woher diese sonder=
bare Erscheinung entstehe, und was sie für Folgen haben
werde, das sind nun auch zwey wichtige Stükke, die ich
untersuchen muß.
          Die
 
– 379 –
Die Ursache warum die deutschen Weiber, welche an
de Schicksalen der gegenwärtigen Zeit Parthie nehmen,
revolutionssüchtiger sind, als die Männer, liegt theils in
subjectiven und theils in objectiven Gründen: sub=
jectiv sind sie, insofern das weibliche Geschlecht vermöge
seines Körperbau's und feineren Organisation lebhafter
empfindet, als das männliche. Ferner: weil es auch aus
eben dieser Ursache eine stärkere und thätigere Einbildungs=
kraft hat, folglich sich das Glük und die Vergnügungen,
die es sich von den Folgen der Revolution träumt, weit
lebhafter als das männliche Geschlecht vorstellt, auch wohl
aus Mangel an Ueberlegung das Ungemach nicht über=
sieht, das nothwendig mit einer gewaltsamen Revolution
verbunden ist. Dazu kann dann auch noch bey vielen der
Gedanke im Hintergrunde lauern, daß dann auch die
 
Emanzipation; Frauenbewegung; vgl. unten zu Mary Wollstonecraft.
 
Obergewalt der Männer ein Ende haben werde. Man
sieht mit Wonne auf die französischen Damen hin, die nun
auch Bürgerinnen heißen, und ein Wörtchen mitsprechen
dürfen; gerade als wenn ein edles deutsches Weib nicht
auch Bürgerin wäre, nicht in seinem ihm zukommenden
Würkungskreis, der um kein Härchen geringer ist, als
der des Mannes, gleiche Menscherechte genösse! –
 
Die objectiven Ursachen hingegen sind von ganz ande=
rer Art, und äusserst wichtig. Sie liegen ganz innerhalb
dem Bezirk der neueren Erziehungs=Methode. Vor funf=
zig Jahren konnten unsere Frauen kaum schreiben, und
wenn sie Briefe zu Stand brachten, so waren sie gewöhn=
lich ein Muster, an dem man alle Fehler der Rechtschrei=
bung, des Schönschreibens, und er Wortfügung zeigen
konnte. Ihre übrigen Kenntnisse schränkten sich ganz auf
ihre Pflichten gegen ihre Männer, Verwandten, Kinder
und Haushaltungen ein; in der Religion waren sie treu,
          an=
 
– 380 –
andächtig, und glaubensvoll, und in Gesellschaften spra=
chen sie von nichts als von ihren Familien, von ihren
Nachbarinnen, von ihren Haushaltungen, und mit unter
auch wohl von ihrem Puz. Daß diese Beschaffenheit des
weiblichen Geschlechts vielleicht das eine Extrem war,
kann man einmal gelten lassen, und es war also den neuern
Erziehern eben nicht zu verargen, daß sie auf Anstalten
dachten, diese so sehr verehrungswürdige Hälfte der
Menschheit weiter zu führen. Sie aber nun auch das andere
weit schlimmere Extrem hinzureißen, und sie gar in den
ganzen Würkungskreis der Männer einzuweyhen, sie auf
einen Weg zuleiten, wo ihr zu Gottes= und Menschen=
liebe, und daraus folgenden edlen, und die ganze Mensch=
heit beglükkenden Handlungen, bestimmtes zartes Nerven=
system, nun Kantische Philosophie und tiefsinnige Politik
 
Siehe zu Kant hier auf meiner web-site.
 
zu bearbeiten wagt, das ist zu viel, und die Grundlage
zu einem Menschengeschlecht, welches das ganze Haus
dereinst zum Fenster hinauswerfen wird.
 
Man stelle sich einen Geschäftsmann vor, dessen erste
Sorge des Morgens bey dem Erwachen, die Anordnung
wäre, was jedes seiner Kinder den Tag anziehen, was
den Mittag und den Abend gegessen, und wie jede Speise
zubereitet werden sollte; der den Schlüssel zur Vorraths=
Kammer und zum Keller im Sak trüge, dann der Köchin
Butter, Mehl, Eyer und dergleichen täglich herausgäbe,
für Tafelzeug und Wäsche sorgte, und über das alles ein
Inventarium hielt; der das Pasteten= und Tortenbakken
vortreflich verstünde, und wüßte wie der Braten behandelt
werden müßte, und dann das alles auch praktisch aus=
führte; der nach deiner Gasterey das Tafelzeug selbst wieder
einpakte, und an Ort und Stelle bringen wollte, u. s. w.
Sagt mir edle deutsche Gattin! wie würde dir dein Mann
          in
 
– 381 –
in diesem Costüme gefallen? und was müßte ausunsern
Staaten werden, wenn diese Verweiberung (man
verzeihe mir den Ausdruk) einst zur Sucht unter den
Männern würde? – und doch wäre diese Transsub=
stantiation noch lange nicht so gefährlich, als die
gegenwärtige Vermännerung vieler Weiber ist. Bey
dieser Verwandlung, wo die Weiber sich in Staatssachen
mischen, soll es sich endlich wohl schikken, daß die Män=
ner zum Kochlöffel greifen müssen, wenn sie etwas Or=
dentliches zu essen haben wollen! Was in aller Welt soll
aus einer Haushaltung, und aus der Kinderzucht werden,
 
Erziehung.
 
wenn die Frau Journale und Zeitungen, und alles Neu,
was in der schönen Litteratur herauskommt, lesen muß? –
wenn sie noch einigermaßen ihre Pflicht kennt und ihr
folgt, so wagt sie von Zeit zu Zeit ein Viertelstündchen
an ihre Haushaltung, aber dies um dem Gesinde Auf=
träge zu geben; selber zu spinnen, zu nähen, weibliche
Arbeiten zu verrichten, und dem Gesinde auf die Finger
zu sehen; das ist für die deutsche Bürgerinn zu viel, sie
muß vielmehr den französischen National=Convent beo=
bachten, sehen wie gekriegt, geschlachtet und gesiegt wird,
und wie die Politik der Cabinette dagegen würkt – ich
wiederhole es: was soll aus unsern Haushaltungen, was
aus unserer ganzen Verfassung, was aus unserm Glük
und Wohlstand, und aus unserer Kinderzucht werden,
wenn diese Sache weiter um sich greift? – Der Mann
geräth in Schulden, und weiß nicht wie ihm geschieht,
er grämt sich, und arbeitet nicht mit Freuden, folglich
schlecht, daher auch Vernachläßigung und Unordnung in
den Geschäften, und daher immer größere Klagen über
schlechte Staatsverwaltung und Justizpflege. Wo kein
Vermögen ist, da können die Kinder nicht hinlänglich stu=
          diren.
 
– 382 –
diren, daher also auch mit der Zeit, Unfähigkeit zu Aem=
tern. Dazu kommt dann noch, daß die Knaben von den
Müttern vernachläßigt und böse Buben werden, die zu
weilen Hauslehrern in die Hände gerathe, die Kinder
der Hölle aus ihnen erziehen, zwiefach mehr als sie
selbst sind.
 
Die Mädchen werden frühzeitig von den Müttern zur
Lectüre, zum Zeichnen und Clavier angehalten; alles gut!
ich tadele das nicht; nur sollte es Nebensache, Erho=
lungsmittel seyn, aber gewöhnlich wird es Hautsache;
das Mädchen von sieben Jahren kennt schon die Natur
vollkommen, und ist schon in Geheimnisse eingeweyht;
man läßt es die Vorzüge und Lustbarkeiten der Erwach=
senen genießen, und prägt ihm also frühe Selbstständig=
keit, Selbstkraft, und Ichheit ein. Was Wunder, wenn
es also vergähreift, und hernach als Gattin und Mutter,
 
vergähreift: überreif werden; vergähren und damit ungenießbar werden.
 
eine Uebermacht in Ansehung seines Mannes empfindet,
und des Anschmiegens an ihn, als ein Weinstok an sein
Geländer, vergißt.
 
Es ist kaum zu begreifen, wie ein berühmter deutscher
Schriftsteller, der sonst Kopf und Herz am rechten Flek
 
Theodor Gottlieb von Hippel, geb. Gerdauen in Ostpreußen, 31.01.1741, gest. Königsberg 23.04.1796; er verfasste: Über die bürgerliche Verbesserung der Weiber. Berlin 1793, das genau die von Jung-Stilling beschriebenen Themen enthält. Siehe dazu die Bände von Joseph Kohnen (Hrsg.). – S. u.
 
hat, behaupten kann, es sey recht, billig und nüzlich,
daß das weibliche Geschlecht sich eben den Geschäften
widme, die bisher das männliche ausschließlich ausübte! –
Unsre Mädchen sollen also studiren, Handwerker und Künste
kennen, und hernach auch Aemter und Bedienungen im
Staat verwalten. Daß eine brittische Frau so etwas
 
Mary Wollstonecraft: geb. als Tochter eines Gutsbesitzers bei London 27.04.1759, gest. 10.09.1797; hatte wenig Erziehung, eröffnete aber doch mit ihren Schwestern eine Erziehungsanstalt; sie verfaßte "Vindication of the rights of woman", London 1792, das Christian Gotthilf Salzmann (1744-1811), Schnepfenthal 1793, übersetzte. Mit weiteren ähnlichen Schriften gehört sie, ist sie Vorkämpferin der Frauenemanzipation. Sie ehel. 1796 den engl. Schriftsteller William Godwin (geb. Wisbeach in Cambridgeshire 3.03.1756, gest. London 7.04.1836). Ihre Tochter Mayr (geb. 30.08.1797, gest.1.02.1851, ehel. den Dichter Percy Busshe Shelley (1792-1822). – Siehe: Wollstonecraft, M., Rettung der Rechte des Weibes mit Bemerkungen über politische und moralische Gegenstände. Aus dem Engl. übers. von Christ. Gotth. Salzmann, 1r Band. In: Neue allgemeine deutsche Bibliothek 1794 , 9. Bd., 1. St., S. 126–132. – Wollstonecraft, Maria, Rettung der Rechte des Weibes mit Bemerkungen über politische und moralische Gegenstände. Aus dem Engl. übers. Mit einigen Anmerkungen von Christ. Gotth. Salzmann, 2r Band. In: Neue allgemeine deutsche Bibliothek 1795, 17. Bd., 1. St., S. 66–71.
 
schreiben und behaupten kann, das ist ihr allenfalls zu
verzeihen; aber wenn ein deutscher Gelehrter, und noch
dazu ein Geschäftsmann, so etwas im Ernst behauptet,
 
Geschäftsmann: eigentl. Kaufmann; Hippel hatte sich ein großes Vermögen erworben und war u. a. Bürgermeister von Königsberg. – S. o.
 
so weis man nicht, was man dazu sagen soll.
          In
 
– 383 –
In dem Fall müßte sich ja der Mann mit seiner Frau
in die Haushaltungsgeschäfte theilen, und eine Woche um
die andere die Küche, Wäsche, Kehren und Puzzen be=
sorgen – es ist doch ein drolliger Gedanke, wenn man
sich den Herrn Regierungs=Rath in der Küche vorstellte,
wie er Pfann=Kuchen bäkt, während seine Frau am Pult
sizt, und in den Akten arbeitet – und doch würde das
der Fall gar oft seyn: denn wenn die Weiber mit den
Männern ihre Geschäfte theilen sollen, so müssens ja wahr=
lich! die Männer mit den Weibern auch thun, was soll
sonst aus unsern Haushaltungen werden? oder sollen sie
Bedienten besorgen? dafür bewahre Gott! – man kennt
die Haushaltungen durch Bedienten! Welch ein Sam=
melsurium würden die Herren aus der Menschheit machen,
wenn sie der liebe Gott gewähren ließ! – und ich fürchte
sehr, er läßt sie gewähren, um Vielen ihren wohlver=
dienten Lohn zu geben, und andere durch Erfahrung klug
zu machen.
 
Die Wahrheit hat nichts Ungewöhnliches, nichts Auf=
fallendes; ihr Auesseres ist sehr alltäglich, aber ihr Inne=
res göttlich. Wir urtheilen nach dem Ansehen, darum
gehen wir sie gewöhnlich vorbey, und fragen die falsche
Sophistin auf dem Throne, die ihren Namen usurpirt,
 
Sophistin: Weise; vgl. die Pythia auf dem Orakelthron in Delphi.
 
uns dann das, was unsere Ichheit schmeichelt, in Ora=
kelsprüche einkleidet, und für Worte der Wahrheit oft
teuer genug verkauft. Laßt uns Gott einmal die Ehre
geben, und uns von unserer Höhe, zu reinen unschuld=
vollen Wahrheit herablassen, und hören, was sie zu dieser
Männer= und Weiber=Metamorphose sagt! –
 
Metamorphose: Verwandlung von Männern in Frauen und umgekehrt.
 
 
Nicht wahr, wir Männer fühlen uns glüklich, und
sind es auch, wenn uns unsere Gattinnen freundlich und
          ge=
 
– 384 –
gefälling die Sorgen unserer Aemter versüßen? – wenn sie
uns, wenn der Geist von Geschäften ermüdet in ihrem
Umgang Erholung sucht, über unserer Mühe trösten,
wohlgekleidete und reinliche Kinder und Säuglinge uns
entgegen führen, und den müden Vater unschuldvoll an=
lächeln und umhalsen lassen; wenn sie die Last und Sorge
der häuslichen Aufgaben von uns entfernen, und uns mit
einfachen aber wohlbereiteten, und gesunden Speisen
versehen; wenn sie Ordnung und Reinlichkeit im Haus=
wesen besorgen, und uns durch einen bescheidenen aber
wohlgewählten Anzug und durch vernünftige Urtheile
über alles was vorgeht, Ehre machen: wenn es ihre
höchste Freude ist durch vernünftige Sparsamkeit, und
christliche Wohlthätigkeit, das Glük ihrer Familie dauer=
haft zu gründen; wenn sie ihre Kinder, Knaben und
Mädchen von der Wiege an zur Gottes= und Menschen=
liebe, und zur reinen Gottes=Verehrung stimmen; und
wenn sie uns, wenn uns Amts=Verdrieslichkeiten und
Amts=Gefahren drohen, oder uns freche Ungerechtigkei=
ten beleidigen, mit sanften Trostgründen der Religion be=
ruhigen. Sagt mir, Brüder! wer unter uns wird nicht
eine solche Gattin einer jeden andern, auch noch so gelehr=
ten Frau vorziehen?
 
Wenn im Gegentheil der Mann ermüdet von der Ar=
beit zurükkehrt, und seine Frau macht ein finsteres Ge=
sicht, und sie entweder Kants Categorien, oder die
Synthesis der Appercepttion nicht begreifen kann, oder
 
Synthesis: Verbindung
Apperzeption: bewusste Wahrnehmung eines Sinneseindrucks.
 
oder weil es den Franzosenhinderlich ergangen ist; wenn sie
murrt und klagt, daß sie nicht Zeit genug zum Lesen
hat, und zu niedrigen Haushaltungs=Geschäften ver=
dorben ist; wenn sie ihre Kinder den Mägden überläßt,
und Köpfe nach Piazetta zeichnet, oder ein Stük von
          Pleyel
 
Piazzetta, Giovanni Battista, italienischer Maler und Radierer, geb. Venedig 13.02.1682, gest. ebd. 28.04.1754; neben Giovanni Battista Tiepolo (1696-1770) Hauptmeister des venezianischen Rokoko.
 
 
– 385 –
Pleyel einstudirt; wenn ihr der Mann Geld schaffen
 
Ignaz Pleyel, geb. Ruppertsthal bei Wien 1.06.1757, gest. bei Paris 14.11.1831; 1789 Kapellmeister im Münster in Straßburg. Verlor während der Revolution die Stelle, ging nach London und 1795 nach Paris. Gründete dort die Klavier-Firma Pleyel, Wolf & Comp. Seine vielen Kompositionen wetteiferten in der Beliebtheit mit denen Joseph Haydns (1732-1809), gerieten aber schnell in Vergessenheit.
 
soll, um gewisse Bücher kaufen zu können, und wenn sie
immer über theure Zeiten klagt, und niemals auskommen
kann; wenn immer die Suppe versalzen, das Gemüß an=
gebrannt, oder rauchig, und das fleisch nicht gaar ist,
 
rauchig: roh; evtl. faserig.
 
und man alsdann immer über die Köchinnen schilt, und
sie weghagt; wenn in ihrem Schlafzimmer ein Schuh auf
dem Tisch, der andere hinter der Thür, und der Kopfpuz
unter dem Clavier liegt; wenn noch Speisen vom Sonn=
tag am Ende der Wochen an Schüsseln, Tellern und Löf=
feln kleben; wenn sie sich entweder geniemäßig gar nicht
 
geniemäßig: Der Sturm und Drang als "Geniezeit" mit neuen Kleiderordnungen gegen das "Establishment", die bestehende Ordnung.
 
puzt, oder theatermäßig einhergeht, oder monathlich nach
Bertuchs Modejournal gekleidet seyn will; wenn sie
 
Friedrich Justin Bertuch (1747-1822): Journal des Luxus und der Moden, Weimar 1786-1820. – Vgl. Jung-Stillings Aufsatz "Etwas den über Ein= und Ausflus / des Weimarischen Modejournal" im "Intelligenzblat für Hessen" 1787.
 
allenthalben ihre Männerkenntnisse auskramt, überall leh=
ren, nichts aber lernen will; wenn sie ihre höchste Freude
an Lektüre findet, und Haushaltung und Kinderzucht dar=
über versäumt; wenn sie Freygeisterey affectirt, und die
Wahrheiten der christlichen Religion belächelt, folglich
auch ihre Kinder der verdorbenen Natur überläst, bis sie
sie einem Manne anvertrauen kann, der so wie sie, revo=
lutionssüchtig ist, und so wie sie, nichts glaubt; die end=
lich ihrem Mann im Elend und in der Trübsal quält, weil
sie dadurch mit unglüklich wird, und weil sie ganz und
gar in einem Mann verwandelt worden, nun ihren Gat=
ten unmöglich mehr als Weib lieben lann. Sagt mir
Brüder! wenn ein Weib so ist, was ist sie dann? Fragt
euer eigen Herz, das wird euch die Wahrheit sagen.
 
Wem etwa meine Beschreibung übertrieben vorkommt,
der sehe doch um sich und prüfe: ob nicht die Weiber, die
die heutige Mode=Erziehung in voller Masse genossen
haben, mehr oder weniger diesem Ideal gleichen, und ob
nicht die Weiber der nächst künftigen Geschlechter, wenigstens
          B b          in
 
– 186 –
in den Ständen der Honoratioren, mehrentheils so seyn
werden.
 
Wer mir etwa einwenden möchte, ich hätte da zwey
Extreme geschildert, und es gäbe ja noch einen Mittelweg
zwischen beyden! dem antworte ich, daß sehr wenige die=
sen seeligen Mittelweg zu treffen wissen, und daß bey
weitem die Mehresten dem herrschenden Extrem entgegen
eilen; hier aber entscheiden die Menschen unser großes
Schiksal in Ansehung des allgemeinen Wohls.
 
Nur allein die christliche Religion bildet
gute Gattinnen, Mütter und Hausfrauen,
ausser der Christenheit findet man sie nur
sehr einzeln. Durchgeht die Geschichte aller Zeiten
und aller Völker, so werdet ihr nirgends bessere und edlere
Weiber finden, als unter den Verehrern des wahren Got=
tes, folglich unter Israeliten und Christen; alle Nationen
musten ihre Weiber zu Unterthanen und Sclavinnen
der Männer machen, weil sonst kein häusliches Glük
möglich war; auch bey den Juden fand das gewisserma=
ßen statt: nur das christliche Weib, wenn es anderes eine
wahre Christin ist, hat gleiche Rechte mit dem Manne,
weil es sie nicht misbraucht; nur die christliche Matrone
 
Matrone: ältere, ehrwürdige Frau.
 
ist fähig, in voller Freyheit den großen Gang des Lebens
mit ihrem Manne zum Ziel zu machen, nur sie allein
kann wahre ächte Staatsbürger und Bürgerinnen bilden
und erziehen, und keine andere in der Welt.
 
Wenn aber nun in unserer gegenwärtigen Verfassung,
wo die Religion den Weibern Freyheit und gleiche Rechte
mit den Männern giebt, und wo sie sie auch mit Recht
und in voller Maaße genießen, die falsche Aufklärung
ihren schiefen Gang fortgeht, und unsre deutsche Frauen
          zu
 
– 387 –
zu Deistinnen und Naturalistinnen bildet, was wird dann
der Erfolg seyn? und dies ist eben die Frage, die ich
meinem Vorsaz gemäs, nun noch beantworten muß.
 
Die christliche Religion ist eine auf Vernunft und Of=
fenbarung gegründete Religion der Empfindungen; eine
Religion der Gottes= und Menschenliebe; nun ist aber das
weibliche Geschlecht seiner ganzen Natur nach so einge=
richtet, daß es sich durch Empfindungen leiten läßt.
Wenn also diese durch Religion und Erziehung ihre gehö=
rige Richtung bekommen, so erscheint das Weib in einer
Liebenswürdigkeit, die kein Mann zu erreichen vermag, und
es ist zu weit edlern und erhabenern Handlungen fähig
als der Mann, der eher kaltblütig urtheilt, und dessen
Empfindungen nicht so rasch, sondern schwerfälliger sind.
Der Deismus hingegen ist ein abstractes System, ein
bloßes Vernunftding, das mit Empfindungen nichts zu
thun hat: Denn wie ists möglich für einen metaphysi=
schen Gott etwas zu empfinden, der mir immer fremder,
immer schreklicher und feindseliger erscheint, je mehr ich
mich ihm zu nähern glaube. Denn dies ist doch wohl bey
einem Gott der Fall, der keine Gebete erhört, un der
alles einem eisernen unerbittlichen Schiksal unterworfen
hat. Was helfen einem Leidenden die Schönheiten der
Natur, und einem Kranken alle Erquikkungen ihres erha=
benen Genusses? – weniger als nichts! – er fühlt sich
gar oft bey seinen höhern Tugenden und größerem Werth
weit unglüklicher, als der Lasterhafte der auf Rosen wan=
delt, ohne daß in Dornen stechen, und den die Glüks=
sonne fast ununterbrochen anlächelt. Muß ein solcher,
wenn er anders ein Deist, und Fatalist ist, seinem Gott
nicht fluchen? und ein Deist muß ein Fatalist werden,
wenn er consequent seyn will. Ja, wendet man ein, die
          B b 2          er=
 
– 388 –
erhabene Tugend beseeliget den Leidenden, sie ist sein höch=
stes Gut, und durch sie wird er glüklich! Ich antworte:
wenn aber nun das eiserne Schiksal einen zur Tugend nicht
bestimmt hat! – oder wenn die Reize der Sinnlichkeit,
und die Macht ihrer Empfindungen zu stark, und die
Kraft zur Tugend zu schwach wäre? –hier weiß der
Deismus keinen Rath, er muß da den Menschen seinem
traurigen Schiksal überlassen. Diese Frage ist nun schon
für Männer mit kaltblütiger Vernunft zum Erhängen,
oder Versäufen, für das warme empfindungsvolle Weib
aber naturempörend; das Weib muß sich da aller Hizze
seiner Triebe überlassen, genießen was zu genießen ist,
und herrschen wo es herrschen kann, denn im Tode hats
doch ein Ende, und was es nachher machen wird, das muß man er=
warten. Was kann die empfindungsvolle Mutter in den
angstvollen Stunden des Gebährens, bey den Krankheiten
oder dem Tod ihrer Kinder, und bey der tyrannische
Obergewalt ihres Mannes anders trösten als die Reli=
gion der Liebe? Dagegen kocht die Deistin in jenen Fäl=
len Rache und Wuth in ihrer Seele, und flucht dem
Schiksal, das ihre Lage so schwer, ihre Seele so empfin=
dungsvoll gemacht, und die Männer mit Vorzügen begabt
hat: denn sie glaube nicht, daß das Weib durch Kinder=
zeugen seelig wird, wenn es anders mit Gedult und Er=
gebung sein Schiksal willig trägt; sie muß sich dagegen
durch jeden sinnlichen Genuß schadlos halten, was aber
dabey aus Mann und Kindern wird, das läßt sich leicht
einsehen.
 
Ich habe Deistinnen genug gekannt, um die Folgen
dieses metaphysischen Unsinns gehörig beobachten zu kön=
nen. Die eine wird rasend und sucht den Selbstmord,
weil ihre Wünsche scheitern; die andre verräth und ver=
          kauft
 
– 389 –
kauft ihren Mann, und stürzt ihn ins äußerste Unglük,
um ihren Liebhaber heurathen zu können, und die dritte
glaubt ihrer Landesfürstin Troz bieten zu müssen, um zu
zeigen, daß sie Freyheit und Gleichheit glaubt. Ich könnte
noch mehrere Beyspiele anführen, wenn es an diesen nicht
schon genug wäre. Alle diese Weiber waren nicht etwa
von je her zu solchen Ausschweifungen geneigt, sondern
diese waren blos Folgen ihrer Grundsäzze. Man erinnere
sich nur an die ganze Revolutionsgeschichte in Frankreich
und deren Würkungen auf Deutschland, so werden einem
Belege genug aufstoßen.
 
Seht ihr Aufklärer nach der Mode! dahin führt eure
Aufräumung in der Religion, und eure hochweise Erzie=
hungsmethode! Die Vernunft, die sich selbst bey hun=
derttausend Sachen auf dem Irrthum ertappt, und in ei=
nem Jahrhundert drey bis vier Lehrgebäude aushekt, de=
ren jedes zu seiner Zeit für untrüglich verfochten und dann
doch wieder von einem folgenden als ganz falsch entdekt
wird. Diese Vernunft will eine Religion verbessern, die
ihren göttlichen Ursprung vor der Stirne zeigt, die so
lange die Sicherheit der Staaten, das Glük der Bürger=
lichen, und die Quelle des Wohlstands der Familien war,
und an deren Stelle ein Hirngespinst einführen, daß nie
Religion des Herzens und seeliger Empfindungen werden
kann, sondern die Männer zur Empörung, und die Wie=
ber zur rasendsten Revolutionssucht, und zu den wildesten
Ausschweifungen hinreißt. Denn wenn die christliche Re=
ligion den Sünder, und das sind wir alle, zur Demuth
und Abhängigkeit von Gott und seinen Geboten leitet; so
führt dagegen der Deismus zum Stolz, zur Ichheit
und zur Unabhängigkeit von Gott und allen Gesezzen;
die Vernunft ist da einzige Führerin, Gottheit, und Ge=
          B b 3          sez
 
– 390 –
setzgeberin, und diese hat jeder Mensch in sich selbst, folg=
lich kann er ausser sich nichts höhers erkennen.
 
Frankreich giebt uns das schreklichste und beleh=
rendste Beyspiel, wohin die gegenwärtige falsche Aufklärung
führt, wenn sie nicht mit mächtigem Arm in ihrem Weg
gehemmt wird. Um so viel aber Deutschland nach
der bisherigen Weise aufgeklärt wird, um so viel werden
auch seine Gräuelscenen, seine Revolutionswuth, und seine
Titanismen wohl gar noch mächtiger wüten, als in Frank=
reich, wenn sich nicht der Vater der Menschen unser er=
barmt, und mit Gewalt den Strom in seinem Laufe hemmt.
Wehe denen die ihm diese Richtung geben! sie werden der=
einst grausam erschrekken, wenn sie nun sehen, daß sie
fürchterlich geirrt, und so viele Menschen ins Verderben
gestürzt haben.
          P–x.