Jung Stillings Bildungsgang

 

„A. K.“ [Autor bekannt]: „Jung Stillings Bildungsgang“

Wir „möchten für heute nur einen Punkt aus derselben [Thematkík Me)] herausgreifen, welcher uns zur Erklärung und Beleuchtung moderner Institutionen wichtig erscheint. Sofort fällt es uns auf, dass in den frühesten Epochen die Praxis allein beim Unterrichte Geltung hatte. Der Lehrer demonstrirte einer grösseren oder kleineren Hörerzahl, was an einem Patienten sinnlich wahrzunehmen war. In sogenannte wissenschaftliche Begründung liess sich vorerst der Lehrende nicht ein. Leider sollte es anders werden. Gar bald hörte der Arzt auf, ‚Naturforscher‘ im eigentlichen, schönen Sinne dieses Wortes zu werden; er verlor sich in phantastische Betrachtungen, die kaum einen Zusammenhang mit der Wirklichkeit hatten; der Schüler und der Kranke litten in gleicher Weise darunter. So kam es, dass bis in unsere Tage Theorieen [sic] und Behandlungsmethoden, die gar sehr des Beweises ihrer Richtigkeit bedürftig sind, in den Köpfen der Laien und sogar mancher Aerzte spuken. Man sieht noch heute Rezepte, die mehr an die Formeln eines Zauberers oder Alchymisten, als an ruhige Naturbeobachtung erinnern.

Trotzdem herrscht seit Jahrzehnten unter den Klinikern, besonders unter denen der Wiener Schule das ernsteste Streben, wieder zur unbefangenen Beobachtung der Krankheitserscheinungen zurückzukehren und in schlichtester Weise die Wirkung der Medikamente auf den gesunden und kranken Organismus zu studiren. Also setzt der moderne Kliniker fort, was der naive, wissensdurstige, altgriechische Medicus begonnen. Jahrtausende reichen einander, trotz unsäglicher, tief beklagenwerther Verirrungen, die Hand.   

Wir können hier auf den tragikomischen Bildungsgang eines Thomas Platter,

Thomas Platter (der Ältere, geb. Grächen/Wallis 10.02.1499, gest. Basel 26.01.1582) in seiner Autobiographie, zeigt er seinen exemplarischen Werdegang vom Hirtenkind und fahrenden Schüler zum Anhänger der Reformation, Buchdrucker und Lehrer der alten Sprachen in Basel auf. Für das Abschiedsessen mit dem Schulmeister stahl er zwei Gänse; vgl. in Dresden den Gänsediebbrunnen in der Weißen Gasse in der Inneren Altstadt.

der als fahrender Schüler für seine älteren Kollegen Gänse stehlen musste, und anderer alter Aerzte nicht eingehen. Wir möchten jedoch einen Augenblick beim originellsten aller Autodidakten in der deutschen Literatur verweilen, bei Jung Stilling. Leider ist seine Selbstbiographie heute grossen- theils ungeniessbar; die Erfahrungen jedoch, die er als Freund Goethe’s an den Strassburger Kliniken gesammelt, sind lesenswerth. Vor Allem erfahren wir, dass die Studenten in einem Kosthause gemeinsam speisten und dass ihnen ‚Hofmeister‘ zugetheilt wurden, von welchen sie ‚Anleitung und Fingerzeig‘ in den Studien erhielten. Seine Professoren waren Spielmann, Ehrmann und Lobstein. ‘Nach Martini wurde das Kollegium der Geburtshilfe angeschlagen und die Lernbegierigen dazu eingeladen‘. Stilling ‚dachte nicht anders, als dass dieses Kollegium, ebenso wie die anderen, erst nach Endigung desselben bezahlt würde; allein wie erschrak er, als der Doktor ankündigte, dass sich die Herren möchten gefallen lassen, künftigen Donnerstag Abends sechs neue Louisd‘or für‘s neue Kollegium zu bezahlen !‘   

Zu seiner Erholung las Stilling unentgeltlich auf seinem Zimmer täglich von 5—6 Uhr Nachmittags ein Kollegium über ‚Philosophie‘, zu dem zahlreiche Zuhörer erschienen.   

Sonst arbeitete er unter Anleitung Lobstein‘s auf der Anatomie und besuchte mit Ehrmann das Hospital. Von diesem sagt Goethe 1): ‚Die grosse Heiterkeit und Behaglichkeit, womit der verehrte Lehrer uns von Bett zu Bett führte, die genaue Bemerkung bedeutender Symptome, die Beurtheilung des Ganges der Krankheit überhaupt, die schöne hippokratische Verfahrungsart, wodurch sich ohne Theorie aus der eigenen Erfahrung die Gestalten des Wissens ergaben, die Schlussreden, mit denen er gewöhnlich seine Stunden zu krönen pflegte, dies Alles zog mich zu ihm hin.‘— ‚Des Dienstags vor Pfingsten hatte der Sohn eines Professors Hochzeit, desswegen waren keine Kollegia.‘   

Trotzdem Stilling mit allen Ehren das Doktorat erlangte, sollte er noch einmal an seine Studienzeit in sehr ernster Weise gemahnt werden. Da er bei einer schweren Entbindung den Kopf des todten Kindes öffnete und zusammenpresste, um die Geburt zu beschleunigen, wurde ihm von seinem Medizinalkollegium befohlen, sich vor dem Kollegium zum Examen in diesem Fache zu melden. Doch lassen wir unseren Gewährsmann selbst sprechen: ‚Im Examen wurden ihm die verfänglichsten Fragen vorgelegt, er bestand aber dem allen ungeachtet wohl; nun wurde auch die Maschine mit der Puppe 2) gebracht; diese sollte er nun herausziehen, aber sie wurde hinter der Gardine festgehalten, so, dass es unmöglich war, sie zu bekommen; Stilling sagte das laut, aber er wurde ausgelacht, und so bestand er nicht im Examen.‘   

Mit der Besprechung propädeutischer Kliniken schliesst Puschmann seine treffliche historische Uebersicht. Als sehr passende Ergänzung schliesst sich Mosler’s ‚Ueber den Unterricht in der medizinischen Klinik zu Greifswald‘ daran. Der berühmte Internist und ausgezeichnete Lehrer theilt seine vieljährigen Erfahrungen und eine Reihe sehr nachahmenswerther Einrichtungen an seiner Klinik mit.    Nach bestandenem Tentamen physicum, das etwa mit unserem ersten Rigorosum zusammenfällt, haben die klinischen Studien zu beginnen. Diesen haben die propädeutisch-klinischen Vorlesungen voranzugehen. Deshalb wird in Greifswald das fünfte, eventuell auch das sechste Semester propädeutischen Studien gewidmet. Welche Bedeutung Mosler der propädeutischen Ausbildung beimisst, erhellt daraus, dass er dieselbe selbst leitet, während die Vorlesungen über spezielle Pathologie und Therapie jüngeren Lehrkräften anvertraut sind. Eine sehr glückliche Einführung scheint uns das therapeutische Praktikum zu sein.  […]

1) Zitirt [sic] nach Puschmann.

2) Joh. Jak. Fried in Strassburg liess bereits um 1730 seine Schüler die geburtshilflichen Griffe am Phantom einüben. Puschmann l. c.